Keine Nächstenliebe für Tiere: Der Berliner „Weihnachtsmarkt der 100 Sterne“ am Bahnhof Friedrichstraße hat für den morgigen Mittwoch einen Besuch des „Weihnachtsmanns“ mit zwei echten Rentieren angekündigt. Diese dürfen gestreichelt und fotografiert werden, wird der Weihnachtsmann-Darsteller in der Presse zitiert. In der Vorweihnachtszeit ist der Mann, der laut Medienbericht zur Schaustellerfamilie Heilig gehört, mit den Rentieren in ganz Deutschland unterwegs, unter anderem beim Fuldaer Weihnachtscircus. Die Tierrechtsorganisation PETA kritisiert die Aktion und appelliert an den Veranstalter des „Weihnachtsmarkts der 100 Sterne“, den Besuch abzusagen und auf ein tierfreundliches Programm umzusteigen. So könnte ein Weihnachtsmann auf einer Elektrokutsche auf den Weihnachtsmarkt einfahren. Elektrokutschen sind bereits in einigen Städten wie München und Münster für den Tourismus im Einsatz und ersetzen dort die Kutschen mit echten Pferden. Auch Krippenfiguren oder ein Krippenspiel können eine stimmungsvolle Alternative darstellen. An die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger appellierte PETA heute, zu verfügen, dass künftig keine Rentiere oder andere Tiere mehr auf den Weihnachtsmärkten in Berlin-Mitte zur Schau gestellt werden dürfen.
„Die Präsentation von Rentieren auf Weihnachtsmärkten ist Tierquälerei. Besucher und insbesondere Kinder erhalten zudem das falsche Signal, dass die Tiere zu unserem Vergnügen da wären und auf ihr Wohlbefinden keine Rücksicht genommen werden bräuchte“, so Peter Höffken, Fachreferent bei PETA. „Gibt es in der Weihnachtszeit nicht schon genug Tierleid? Wir bitten die Verantwortlichen, den Tieren den Stress und mögliche Gefahren zu ersparen und stattdessen einen tierfreundlichen Weihnachtsmarkt zu veranstalten.“
Rentiere sind perfekt für ein Leben in polaren und subpolaren Naturgebieten (Tundra, Taiga) angepasst. Tiere, die in hiesigen Breitengraden für kommerzielle Zwecke wie Weihnachtsmarkt-Veranstaltungen gehalten werden, leiden häufig unter mangelhaften Haltungsbedingungen. Rentiere fühlen sich in großen Herdenverbänden wohl und sind für ihre langen Wanderungen bekannt, doch in Gefangenschaft können sie ihren enormen Bewegungsdrang nicht ausleben. Ständige Transporte auf LKWs, der Trubel auf Weihnachtsmärkten und Foto-Interaktionen bedeuten puren Stress für die sensiblen Tiere.
Zurschaustellung auf dem Weihnachtsmarkt ist tierschutzwidrig
Laut Tierschutzgesetz müssen Tiere ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten und versorgt werden. Der ungewohnte Trubel durch Besuchermassen und der damit verbundene Lärmpegel sowie die verschiedenen Lichter bedeuten für sie enormen Stress. Stehen die Tiere dauerhaft auf feuchtem oder schmutzigem Boden, kann dies zu Huf- und Klauenerkrankungen führen. Hinzu kommt der wiederholte Transportstress. Zum anderen ist häufig zu beobachten, dass Besucher die Tiere trotz der Hinweisschilder mit ungeeigneter Nahrung wie Lebkuchen oder Waffeln füttern. Dies kann zu gesundheitlichen Problemen und schlimmstenfalls sogar zum Tod führen.
Tiere zu Unterhaltungsobjekten degradiert
Tiere auf Weihnachtsmärkten vermitteln unterschwellig ein falsches Bild. Vielen Menschen –insbesondere Kindern – wird suggeriert, dass Tiere da seien, um uns zu unterhalten. PETAs Ansicht nach sollten Kinder Tiere als Individuen mit eigenen Bedürfnissen kennenlernen, nicht als Unterhaltungsobjekte.
Dass eine stimmungsvolle vorweihnachtliche Atmosphäre auch ohne die Zurschaustellung von Tieren möglich ist, beweisen zahlreiche deutsche Städte, die auf ihren gut besuchten Weihnachtsmärkten beispielsweise lebensgroße Holzfiguren aufstellen. Ein gelungenes Krippenspiel mit ausschließlich menschlichen Darstellern könnte ebenfalls zahlreiche Besuchende anlocken. Bad Salzuflen ging mit gutem Beispiel voran und hat 2019 lebende Tiere vom „Weihnachtstraum“ verbannt. Begründet hat die tierfreundliche Stadt dies damit, dass der im Grundgesetz verankerte Tierschutz Vorrang vor dem Unterhaltungsfaktor hat. [1]
Die Tierrechtsorganisation empfiehlt allen tierfreundlichen Menschen, die Tiere als „Attraktionen“ auf dem Weihnachtsmarkt entdecken, sich mit einer Beschwerde an die Stadtverwaltung, die Veranstalter und das Veterinäramt zu wenden.
PETAs Motto lautet: Tiere sind nicht dazu da, dass wir an ihnen experimentieren, sie essen, sie anziehen, sie uns unterhalten oder wir sie in irgendeiner anderen Form ausbeuten. Die Organisation setzt sich gegen Speziesismus ein – eine Form von Diskriminierung, bei der Tiere aufgrund ihrer Artzugehörigkeit abgewertet werden. Der Mensch wird hierbei allen anderen Spezies gegenüber als überlegen angesehen.
